Einwohnerzahl stagniert, doch über 100 Hektar sollen bebaut werden: eine Nachricht aus Siegen

Bild Wellersberg

Der durch Baupläne gefährdete Siegener Wellersberg . Foto: c Joachim Hain /Aktionsbündnis Naturraum Wellersberg.

Als Autor des Buches „Verbietet das Bauen!“ schreiben mir öfter Bürgerinitiativen und berichten von Missständen in ihrer Stadt. Neulich war es die Reesekaserne in Augsburg, wo solide Bauten abgerissen werden (vielleicht weil sie aus den 1930er Jahren stammen und nicht so viele Fürsprecher finden? Mehr dazu auf dieser Webseite). Nun kam eine Mail aus Siegen, und ich muss zugeben, dass solche Anschreiben mich hin- und herreißen: Eigentlich steht derzeit meine Forschung zum „unsichtbaren Wohnraum“ im Vordergrund, weshalb ich mich am OptiWohn-Projekt beteilige, und das braucht Zeit. Aber wenn ich dann doch anfange, mir die örtlichen Gegebenheiten anzusehen, ergeben sich interessant-erschütternde Einblicke in die Details der Bauwut hierzulande. So auch in Siegen.

Menschen gehen, Beton kommt
Am Wellersberg in Siegen soll gebaut werden, ein Aktionsbündnis wehrt sich. Daraufhin habe ich mir das „Wohnbaulandkonzept 2018“ angeschaut – online verfügbar. Gleich auf der ersten Seite wird zugegeben, dass Siegens Einwohnerzahl stagniert, was aber bedeute, „dass bis 2032 ein Wohnbauflächenbedarf von rund 106 Hektar besteht“. Selbst diese schizophrene Aussage verschweigt: die Einwohnerzahl Siegens hatte 1975 (!) ihren Höchststand. Damals hatte die Stadt 117.000 Einwohner, heute sind es gut 100.000, und soviele sollen es wohl bleiben. Obendrein ist in den vergangenen 45 Jahren in Siegen die eine oder andere Wohnung gebaut worden, stimmt`s? Ja, stimmt – allein  in den letzten dreißig Jahren wuchs der Wohnungsbestand um 8.000 (Vergleich Wohnbaulandkonzept, Seite 3, Zahl von 1990, mit Zahl von 2018 aus dieser Quelle, Seite 24). Dafür wurde die eine oder andere Wiese zu Bauland. Also nochmal die Fakten: Eine Stadt verliert massiv Einwohner, baute trotzdem tausende Wohnungen neu, und plant für die Zukunft über hundert Hektar neues Bauland auszuweisen. Deshalb plädiere ich in „Verbietet das Bauen!“ dafür, dass nicht mehr die einzelnen Kommunen frei entscheiden, sondern wir eine bundesweite Obergrenze für Flächenverbrauch bekommen: „Um die Bauwut zu stoppen, sollte nicht mehr der einzelne Bürgermeister entscheiden müssen, sondern der Bund müsste klare Grenzen ziehen“ (Verbietet das Bauen, Seite 75).

Also Landschaft verbauen
Das Wohnbaulandkonzept 2018 zitiert aus dem Landesentwicklungsplan NRW, welch wohlklingende Vorgaben wir haben: „Die Siedlungsentwicklung ist flächensparend (…) auszurichten“ (Seite 7). Dann wird (ab Seite 21) auf vier Seiten abgehandelt, dass es zwar Baulücken und aufstockbare Häuser gebe, aber ach, das sei alles so kompliziert und ohnehin nicht so viel wie erhofft . Auf Seite 37 wird dann doch darauf hingewiesen, dass man 2016 erfolgreich Eigentümer von Baulücken angesprochen habe. Schließlich aber ab Seite 40 der Hauptteil der 296 Seiten: Detailstudien zu potenziellen Baugebieten. Ein Acker nach dem anderen, eine Wiese nach der anderen. Auf Seite 274 dann die Empfehlungen, was zuerst bebaut werden soll, der Wellersberg oben dabei, „sehr hohe Priorität“.
Wenn man so gründlich auch die Alternativen untersucht hätte, müsste in Siegen nie mehr neu gebaut werden! Freilich würde auch das Arbeit erfordern, Analysen, Fördergeld, und einige der Werkzeuge für Wohnraum in Altbauten, die in diesem Film vorgestellt werden, und im Bauverbot-Buch ab Seite 181. Das Grün am Wellersberg ließe sich so retten.

 

Das Aktionsbündnis sammelt Unterschriften für eine Online-Petition, hier der Link.

Diese Bürgeriniative taucht jetzt neben vielen anderen in der Blogroll auf, die ich soeben aktualisiert habe – mit neuen Links aus Augsburg, München Giesing, Münster und von architects for future (wegen des Podcasts Wahrheit beginnt zu zweit).

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3 Gedanken zu „Einwohnerzahl stagniert, doch über 100 Hektar sollen bebaut werden: eine Nachricht aus Siegen

  1. Nils Jansen

    Es klingt so, als ob die Flächen schon lange im FNP als Wohnbauflächen ausgewiesen waren und eine inhaltliche Überprüfung dieser Gesamtflächenkulissen unter dem Blick der Bodenschutzklausel bzw. Bodenschutzziele durch die Landes- und Regionalplanung in jüngerer Zeit nicht stattgefunden hat.

    Es ist zumindest verbreitet, dass Kommunen, die ihre in den 80er, 90er und Nullerjahren großzügig bemessenen „Baulandreserven“ nicht gefährden wollen, aufgrunddessen FNP-Neuaufstellungen scheuen und nur kleinteilige FNP-Änderungen vornehmen.

    Ob das in Siegen auch so ist, weiß ich nicht, aber mich würde es bei über 100 ha Wohnbaulandreserven in einer schrumpfenden Stadt nicht wundern.

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  2. Martin Heilmann

    Leider werden völlig falsche Zahlen verbreitet. Es handelt sich um eine Fläche von ca. 5 ha, die nur einen Bruchteil der oben dargestellten roten Fläche ausmacht. Informieren Sie sich.

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    1. Stadtwandeler Beitragsautor

      Es ist zwar schön, wenn auch im Vorstand der Siegener Grünen solche Fragen diskutiert werden, Herr Heilmann, aber leider legt Ihr Kommentar etwas völlig Falsches nahe: Der Text verweist auf das Wohnbaulandkonzept 2018, in dem ein Bedarf von 106 Hektar genannt wird (siehe Zitat und Link). Und für diesen vermeintlichen Bedarf werden dann seitenweise potenzielle Bauflächen analysiert und am Ende summiert (informieren Sie sich im Wohnbaulandkonzept) – natürlich hat weder der Wellersberg noch eine andere Fläche für sich allein 100 Hektar, sondern die Summe ist so groß, und nichts anderes steht hier.

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