Anti-München-Werbung durch Horst Seehofer?

Grafik zu Wohnungsleerstand

Eine von 56 Deutschlandkarten zur regionalen Ungleichheit (link im Text unten) zeigt den Wohnungsleerstand.

Man muss auch gönne könne, heißt es im Rheinland, darum an dieser Stelle ein Lob an Horst Seehofer: gemeinsam mit den Ministerinnen Julia Klöckner und Franziska Giffey stellte er eine Studie zu ungleichen Lebensverhältnissen in Deutschland vor, die viele gute Ideen enthält und einige konkrete Ankündigungen. Zu letzteren zählt der Plan, eine THW-Schule in Brandenburg an der Havel anzusiedeln und eine Polizeischule in Görlitz. Der Bund handelt hier vorbildlich, und ja, ein ähnliches Lob verdiente sich ebenfalls die CSU unter dem damaligen Innenminister Markus Söder im Buch Verbietet das Bauen! für den Plan, ab 2015 insgesamt mehr als fünfzig Ämter und Behörden zu verlagern (siehe Werkzeug Nr. 43 „Umzüge fördern regional“).

Es gibt viel Platz in manchen unterschätzten Gegenden: Dort stehen Wohnungen leer, wie die Karte oben zeigt – das Institut der Deutschen Wirtschaft schreibt in einer neuen Studie, es stünden inzwischen knapp zwei Millionen Wohnungen in Deutschland leer. Wenn nun die spontane Entgegnung kommt, in solchen Gegenden gebe es nunmal keine Arbeitsplätze, dann zeigt eine weitere aktuelle Studie des IW ganz im Gegenteil, dass in den Schrumpfgegenden Menschen fehlen. Ganz so, wie es im Buch zur Willkommensstadt steht:

„Die Regionen mit vielen offenen Stellen und Lehrstellen sind nämlich oft auch diejenigen, in denen viel Wohnraum leersteht. Mehr als fünf Prozent leere Wohnungen gibt es fast durchgängig im Osten Deutschlands (außer in Berlin und seinem Umland sowie in einigen Großstädten), in Franken, dem Saarland und den ländlichen Gegenden Baden-Württembergs. Vereinfacht gesagt: Im Osten und auf dem Land haben wir Platz und brauchen Menschen, wir haben leere Wohnungen, freie Arbeitsplätze und freie Ausbildungsplätze.“

(Willkommensstadt, Seite 163)

Der „Plan für Deutschland“ aus den drei Bundesministerien überzeugt erstmal durch eine gründliche Analyse. Besonders anschaulich sind die 56 Deutschlandkarten, die regionale Ungleichheit illustrieren, und die man auf dieser Webseite ansehen kann. Natürlich bleibt offen, ob den vielen Seiten im Plan für Deutschland ebenso viele konkrete Handlungen folgen. Und es wäre auch schön, wenn das gleichermaßen von Bund und Ländern und Kommunen angegangen würde. Aber es bleibt ein guter Anfang.

Zu ihm gehört die Absicht, Wirtschaftsförderung zukünftig vor allem für unterschätzte Regionen durchzuführen. Wie weit man dabei geht, dafür schildert das Buch „Willkommensstadt“ verschiedene Möglichkeiten. Dort heißt es zu Boomstädten wie München:

„Wachstum um des Wachstums willen passt dort nicht mehr hin, Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung machen übervolle Städte nur noch voller. Was könnte man stattdessen tun? Dazu drei augenzwinkernde und ein ernst gemeinter Vorschlag. Die erste Idee: Ins Gegenteil verfallen mit einem Anti-Stadtmarketing, das die Wirkung der hohen Preise verstärkt, indem man laut darüber spricht. Das wirkt vielleicht auf den ersten Blick absurd, aber viel absurder ist es, für volle Städte auch noch zu werben. Besser wäre es zumindest, bei ihnen die Wirtschaftsförderung zu beenden (Idee No. 2) und das Geld zu sparen. Andererseits: Wenn man schon professionelle Wirtschaftsförderer hat, dann könnten die, drittens, auch für andere Orte werben. Lassen wir die Münchner helfen, schrumpfende Orte wieder zu beleben, etwa im bayrischen Wald!

Zugegeben, diese drei Möglichkeiten scheinen unrealistisch. Doch es gibt einen Vorschlag, der gelingen könnte: Wirtschaftsförderung 4.0. Unter diesem Namen schlägt der Wissenschaftler Michael Kopatz vor, nachhaltiges und regionales Wirtschaften zu fördern. Dort finden sich »kooperative« Wirtschaftsformen, die nicht nach maximalem Gewinn streben, sondern nach dem Besten für die Gemeinschaft.

(…) Übertragen auf den Stadtwandel widmet sich diese neue Art der Wirtschaftsförderung allen »Werkzeugen, die Neubau überflüssig machen«: Gemeinschaftliche Wohnformen, Umbaugemeinschaften, gemeinschaftliches Arbeiten in Co-Working-Häusern, neue Plattformen für Wohnungstausch und Umzüge. Und das Stadtmarketing 4.0 versucht nicht mehr, massenhaft Touristen in die Boomstädte zu locken, sondern setzt auf Klasse; es wirbt für Märkte und Markthallen, für lokales Handwerk und Ausflüge in die Region.“

(Willkommensstadt, S. 97ff.)

Es gibt viele gute Ideen für die Provinz. Doch als Erstes wäre es konsequent, wenn Horst Seehofers Riesenministerium jene Maßnahmen beendet, die ganz im Gegenteil den Leerstand in Schrumpfgegenden noch fördern: die KfW-Förderung und das neue Baukindergeld werden auch dort gezahlt, wo jemand am Stadtrand in einen Neubau zieht und dafür in der Innenstadt ein weiteres Haus leert. Wenn das gestoppt wäre, könnte Seehofer als Nächstes vor dem Zuzug in die boomenden Städte warnen: Zieht nicht nach München!

Um regionale Ungleichheit geht es in Kapitel 11 „Umzug nach Düsseldorf-Nord“ in Verbietet das Bauen! und dort in den Werkzeugen Nr. 43-50, im Buch Willkommensstadt in Kapitel 4 „Wo wir wohnen: Schwarmstädte“ vs. Kapitel 7 „Wo wir wohnen: Schrumpfstädte“, im Ratgeber Einfach anders wohnen in den Abschnitten zur Stadt mit den Raumwundern Nr. 46 – 63.

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Brezn und Bier

Hier hat aber keiner etwas gegen München gesagt, oder?

Paulaner München

In Hof und Kulmbach gibt es übrigens auch wunderschöne Braustuben.

Englischer Garten

Vom Stress der Boomstädte im Englischen Garten ausruhen (alle Fotos: Daniel Fuhrhop).

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