Wirtschaftsförderung 4.0

Umgestaltetes Logo "don`t visit berlin"

Dieses satirisch ins Gegenteil verkehrte Logo des Berliner Stadtmarketing illustriert eine Idee des Buches „Verbietet das Bauen!“: Für überfüllte Metropolen nicht mehr werben, sondern abschrecken. Auf welche ganz andere Art Stadtmarketing sinnvoller eingesetzt werden könnte, schildert der Text.

Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing verfolgen bisher das Ziel, Wachstum um jeden Preis zu schaffen: Mehr Unternehmen in die Städte holen, mehr Touristen anlocken. Das passt allerdings nicht mehr in eine Zeit, in der die Metropolen unter der Last des Erfolgs leiden, unter explodierenden Mieten und Kaufpreisen sowie unter Touristenströmen. Darum schlägt das Buch Verbietet das Bauen! in Kapitel 11 vor, die Förder-Institutionen in ihr Gegenteil zu verkehren und zu einem „Anti-Stadtmarketing“ umzuwandeln. Die Betonung der hohen Preise und Preissteigerungen soll Provinzler vom Zuzug abschrecken. Darüber hinaus sollten die Städte daran arbeiten, die überfüllten Stadtviertel unattraktiv zu machen („Prenzlauer Berg wird uncool“). Freilich steht gleich darauf eine Einschränkung zu lesen, die die Forderungen auf eine realistischere zurückschraubt: „Zugegeben, so eine Kampagne scheint derzeit noch fern. Doch ein erster Schritt wäre es, wenn die Boomregionen wenigstens nicht mehr in Werbung investierten.“ (Seite 138). Bei Buchvorstellungen füge ich die Alternative hinzu, dass die Gelder des Berliner Stadtmarketings in die verödende Uckermark fließen könnten, oder das Geld der Münchner Wirtschaftsförderung in schrumpfende Landstriche im bayrischen Wald. Nun aber gibt es mit einer Idee des Wissenschaftlers Michael Kopatz einen ganz anderen Vorschlag, der die rein auf Wachstum gerichtete Förderpolitik der Städte innovativ verändern würde: er nennt es Wirtschaftsförderung 4.0. Damit bezeichnet Kopatz die Förderung „kooperativer Wirtschaftsformen in Kommunen“, und darunter fallen so verschiedene Dinge wie Repair-Cafés und Tauschläden, Energiegenossenschaften und Regionalgeld. Sie orientieren sich weniger an der Gewinnmaximierung Privater sondern am Gemeinwohl, und darum gehen sie in der Regel von engagierten Bürgern aus.

Solche kooperativen Wirtschaftsformen wirken womöglich „auf den ersten Blick recht niedlich und harmlos“, schreibt Kopatz, doch sie würden unterschätzt – es seien gesellschaftliche Vorreiter auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft, die vor allem auf der kommunalen Ebene viel bewirken können. Sie funktionieren nämlich meist lokal oder regional, wie das Beispiel von Car-Sharing zeige, aber auch ortsgebundene Währungen. Mit Unterstützung durch Kommunen könnten sie ihre Bedeutung erhöhen und die regionale Wirtschaft stärken. Diese wird dadurch stabiler gegenüber Krisen, und sie wird durch die regionalen Warenkreisläufe mit ihren kurzen Wegen ökologischer. Die Wirtschaftsförderung 4.0 fördert also im Unterschied zu ihren konventionellen Vorläufern nicht globales Wachstum, sondern die lokale Wirtschaft. Untersucht man nun dieses Konzept von Michael Kopatz für den Bereich des Bauens, des Nicht-Bauens und des Stadtwandels, so ergibt sich eine neue Aufgabe für die Wirtschaftsförderung.

Anstatt wie bisher flächenverbrauchende Gewerbeansiedlungen zu fördern, könnte eine Wirtschaftsförderung 4.0 flächensparendes Wirtschaften unterstützen: Gemeinschaft-

Uncoole Dose.

In Berlin Prenzlauer Berg oder München Haidhausen erwarten Zugezogene hippe Stadtviertel – um den Zuzug zu bremsen, könnten wir die Quartiere uncool machen.

liche Wohnformen von Genossenschaften und Umbaugemeinschaften, gemeinschaftliches Arbeiten in Co-Working-Houses, oder neue Plattformen für Wohnungstausch und Umzüge – also all jene im Bauverbot-Buch genannten „Werkzeuge, die Neubau überflüssig machen“, die zugleich Geschäftsmodelle darstellen. Auch das Stadtmarketing bekäme eine neue Aufgabe, indem es für die kooperativen Initiativen wirbt, etwa für Carsharing und Regionalgeld.

Eine Besonderheit lässt sich an diesem Vorschlag zeigen, die den gesamten Wandel von der überkommenen Bauwut zum idealen Stadtwandel auszeichnet: Dieser Wandel erfasst auch die Personen, die mit Planen und Bauen arbeiten. So schafft die völlige Konzentration auf Umbau und Umnutzung eher mehr Arbeitsplätze als der Neubau, und den Architekten geht die Arbeit nie aus. Und in den kommunalen Abteilungen für Planung ebenso wie für Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing gibt es nicht weniger zu tun, aber anderes.

Der Wissenschaftler Michael Kopatz, dessen Konzept der Wirtschaftsförderung 4.0 dieser Text vorstellt und variiert, war auf diesem Blog bereits hier im Gespräch zu hören in der Reihe „Wahrheit beginnt zu zweit“ in der Kategorie Hören. Von ihm stammt außerdem das Konzept eines „Wohnflächen-Moratoriums“, im Buch „Verbietet das Bauen!“ auf Seite 156 diskutiert: „In schrumpfenden Gegenden ließe sich die Wohnfläche für eine bestimmte Zeit auf dem heutigen Stadt festschreiben, sagt er.“ Wie das gehen könnte, folgt dann auf Seite 157.

Cover Magazin "politische ökologie"

In dieser Ausgabe das Magazins „politische Ökologie“ findet sich der Artikel von Michael Kopatz zur „Wirtschaftsförderung 4.0“, auf den sich dieser Text bezieht.

Links
Die Ideen zur Minderung der Attraktivität überfüllter Stadtviertel finden sich in Kapitel 11/ Seite 137/38 von Verbietet das Bauen! beziehungsweise in den Werkzeugen Nr. 45 und Nr. 46.
Der Text „Wirtschaftsförderung 4.0“ von Michael Kopatz steht zum einen auf der Webseite des Wuppertal Instituts bereit, zum anderen im Original in der Zeitschrift politische ökologie, Heft 142 StadtLust – und in dieser Ausgabe zu lesen sind außerdem Artikel von Arne Steffen (Suffizientes Wohnen in der Stadt) sowie von mir selbst (Stadtlust ohne Bauwut – Alternativen zum Neubau).

Wer den Artikel mit Gewinn gelesen hat, findet hier die Wege zur Teekasse des Autors. Denn Nachdenken macht Spaß, aber auch durstig.

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