Willkommen in der Provinz: Wohnungen und Arbeitsplätze warten schon

Bild Strand

Ob Nordsee oder Ostsee, am Meer kann man schön urlauben – doch vielen Hotels und Restaurants fällt es schwer, Mitarbeiter zu finden.

Es bringt alles nichts, das ganze Fördergeld, die viele Mühe – überlassen wir den ländlichen Raum im Osten sich selbst und stecken das Geld lieber in die wenigen Städte dort, auf dass die bald ebenso boomen wie die Hochschulorte und Boomtowns im Westen. Das war kurz gefasst der Tenor einer Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, wobei genau genommen am drastischsten die Äußerungen über die Studie klingen (etwa im Tagesspiegel), während sich die Studie selbst nicht ganz so extrem liest (direkt zur Studie geht es hier). Wo eine Studie, da ist die Gegenstudie nicht weit, und begleitet von intensiven Diskussionen (etwa hier)erschien eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, der zufolge es durchaus Sinn mache, auch ländliche Gegenden im Osten zu fördern (zu dieser Studie geht es hier).

Eigentlich verwundern solche Diskussionen, denn es liegen genug Vorschläge auf dem Tisch, wie man ländlichen Räumen helfen kann oder wie sie sich selbst helfen. In meinen Büchern spielt das Land vor allem im Willkommensstadt-Buch eine Hauptrolle, weil es aus Anlass des Zuzugs vieler Flüchtlinge darum ging, wo sie Platz finden können – und das erforderte einen tieferen Blick auf die Herausforderungen der regionalen Ungleichheit zwischen boomenden und schrumpfenden Regionen. Diese Ungleichheit nimmt seitdem weiter zu, teilweise mit dramatischen Folgen wie Mietsteigerungen und Spekulation in den Großstädten sowie weiterer Entleerung in ländlichen Gebieten. Doch es gibt Ideen, von denen beispielhaft drei genannt seien: Erstens das Probewohnen, in Görlitz aktuell zum dritten Mal aufgelegt, diesmal samt Probearbeiten als „Stadt auf Probe“. Seit Anfang 2019 bis Juni 2020 werden insgesamt 54 Personen jeweils vier Wochen kostenlos in Görlitz wohnen und arbeiten (mehr zum Programm hier). Dadurch können sich manche ein realistisches Bild von der Stadt machen, die vielleicht eher skeptisch waren.

Foto Görlitz

Görlitz ist eine Reise wert, wie hier der Wilhelmsplatz, aber mancher bleibt gleich länger, wie in der „Stadt auf Probe“ (Foto EGZ Europastadt GörlitzZgorzelec GmbH /Copyright (c): Rainer Weisflog).

Und schließlich bleibt dann der eine oder andere in Görlitz hängen – eine Idee, die man sich für viele weitere Orte wünscht, deren Namen einen zwiespältigen Klang haben, und die jedem sofort in den Sinn kommen, der diese Zeilen liest.

Eine zum Glück bereits vielfach kopierte Idee bietet das Programm „Jung kauft alt“, oder auch „als junge Leute ein altes Haus kaufen“ (so betitelt als Raumwunder Nr.55 im Ratgeber Einfach anders wohnen): Nach dem Vorbild von Hiddenhausen bei Herford fördern es viele Kommunen, wenn jemand ein leeres Haus kauft und dort selbst einzieht. In Hiddenhausen entstand die Idee als Alternative dazu, ein weiteres Baugebiet am Stadtrand zu finanzieren.

Postkartenbilder Hiddenhausen

Die Vorreiter des Programms „Jung kauft Alt“: Hiddenhausen mit einigen der ehemals leerstehenden Häuser, die neu belebt wurden (Bild Christian Grube / Gemeinde Hiddenhausen).

Schließlich noch eine touristische Idee, die sich in Italien bereits sehr verbreitet hat, und die oft wunderschönen alten Häuser in schrumpfenden Gegenden neu nutzt:

»Alberghi diffusi« bestehen nicht aus einem einzigen großen Hotelbau, sondern vereinen Zimmer in vielen Häusern, die zuvor oft leerstanden. Bauernhäuser in kleinen Dörfern werden saniert und zu einer Art Mosaikhotel umgewidmet, mit Rezeption und Frühstücksraum als zentralem Mosaikstein. Die Idee entstand nach dem Erdbeben in Friaul 1976, als viele Häuser zerstört waren. Mithilfe eines Vereins und EU-Geldern gibt es heute mehr als achtzig offizielle »Alberghi diffusi« in Italien.
Willkommensstadt, Kapitel 8 „Lebendige Städte“, Seite 184

Foto Biodorf Schmilka

Ein verstreutes Hotel im sächsischen Schmilka (Foto: Bio- und Nationalpark Refugium Schmilka – Fotograf Thorsten Rogge).

Auch in Deutschland diskutiert man die Idee, etwa in Meinbernheim (Raumwunder Nr. 66 in Einfach anders wohnen), und es gibt bereits ein verstreutes Hotel im sächsischen Schmilka (dazu bald hier mehr).

Eine Idee folgt der anderen, ein positives Beispiel dem nächsten, doch um tatsächlich einen Umschwung in einem schrumpfenden Ort zu bewirken, muss man mehrere Ideen gleichzeitig umsetzen. Das schildert die Geschichte vom Willkommensdorf, preisgekrönt (siehe hier) und in ähnlicher Form als Auftakt zu Kapitel 8 im Buch zur Willkommensstadt zu lesen. Wer da alles angelockt wird und wie wenig das im Vergleich zur neuen Baukindergeld-Subvention kostet, fasste neulich ein Artikel von mir in der Nürnberger Zeitung zusammen (siehe dort am Textende). Viele der Ideen kombiniert bereits die Gemeinde-Allianz im fränkischen Hofheimer Land, wie hier zu lesen.

Wenn man neue Bewohner und neue Arbeitskräfte anlocken möchte, braucht es freilich eine gewisse Offenheit. So fehlen in Mecklenburg-Vorpommern Fachkräfte wie Köche für die Restaurants, speziell im Sommer (siehe Nordkurier oder Bericht im NDR). Um die fehlenden Mitarbeiter anzulocken, braucht es Geld, Ideen und ein herzliches Willkommen.

 

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Daniel Fuhrhop
Willkommensstadt
226 Seiten, 17,95 €
ISBN-13: 978-3-86581-812-6
oekom Verlag, München

Mehr Informationen zum Buch.

Cover Willkommensstadt

 

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