Multi-Channel als Denkmalschutz

Tagung Flyer Ausschnitt

Inspiriert von der Tagung „König Kunde – Handel in der Stadt“ in Dortmund

Was hat Online-Handel mit Denkmalschutz zu tun, und warum sprach ausgerechnet Online-Experte Gerrit Heinemann bei der „Jahrestagung Städtebauliche Denkmalpflege“? Drei teilweise sehr überraschende Antworten ergaben sich aus Heinemanns Vortrag bei der Tagung zum „Handel in der Stadt“: Erstens hat der Handel sich durch Online bereits dramatischer verändert, als vielen bewusst ist, zeigte er. Zweitens aber gebe es trotzdem Chancen für den klassischen stationären Handel, wenn er sich auf die neuen Möglichkeiten einlasse – das Fell ist noch nicht verteilt. Und drittens könne man dem Offline-Handel dabei durch radikale Maßnahmen gegen Handels-Neubau helfen, speziell gegen großflächige Anbieter. Die Fülle an überzeugenden Erkenntnissen von Gerrit Heinemann berühren nicht weniger als die Zukunft des städtischen Handels und mit ihm der lebendigen Innenstädte. Wer etwa bisher davon ausging, mit unter 10 Prozent sei das Gewicht des Online-Handels noch nicht entscheidend, der irrt gewaltig, wie Gerrit Heinemann zu Beginn darlegte. Wenn man nämlich die Lebensmittel außen vor lasse, bei denen Online-Bestellungen bislang kaum eine Rolle spielen, dann liege der Anteil von Onlinehandel am gesamten Non-Food-Bereich bereits Ende 2013 bei rund 15 Prozent, und dürfte sich bis 2020 verdoppeln. Bei modischer Kleidung („Fashion“), dem wichtigsten Mieter in unseren Stadtzentren, liege der Onlinehandel heute schon bei 25 Prozent, bei Medien, Bild- und Tonträgern bei einem Drittel und bei Spielwaren bei 40%. Das zu erwartende weitere rasante Wachstum treffe unsere Städte sehr ungleich, sagte Heinemann: Handel in den Metropolen und Boomstädten, in die Menschen zuziehen, bleibt stabil. Klein- und Mittelstädte aber verlieren demzufolge bereits in den nächsten zehn Jahren etwa dreißig Prozent ihres Handelsumsatzes.

Bedeutet das nun, dass dreißig Prozent der Läden aller Städte unter 100.000 Einwohnern bald leerstehen? Folgt aus den Trends, dass demnächst jeder vierte Modeladen und jeder dritte Medienmarkt oder jede dritte Buchhandlung pleitegehen? Und würde das wiederum automatisch bedeuten, dass noch mehr Läden als bislang in alten Häusern leerstehen und dadurch manches denkmalgeschützte Haus kein Geld mehr reinholt, um es zu erhalten? Das alles kann geschehen, wenn man Heinemanns Ausführungen folgt, aber es muss nicht zwangsläufig so enden. Gerrit Heinemann zeigte eine Chance für den stationären Handel, wozu der erstmal verstehen müsse, was der Kunde online macht. Es gebe nämlich für die meisten Kunden keine starre Trennung zwischen Online-Handel und dem Offline-Kauf im Laden. Mehr als die Hälfte der Kunden bereite den Kauf online vor, recherchiere nach Preisen, Funktionen und insbesondere, ob die Ware verfügbar sei – dann aber kaufen sie im Laden, schilderte Heinemann. Oder aber im Laden informiert sich der Kunde weiter, fasst an und probiert an, um schließlich online am PC zu bestellen oder doch wieder im Laden oder gar am Smartphone. In welcher Kombination auch immer: es müsse eigentlich egal sein, welchen Weg der Kunde letztlich gehe, welchen Kanal er wähle. Wenn der Kunde Multi-Channel kauft, so Heinemann, also mehrere Kanäle online, offline und mobil nutzt, dann müsse der klassische stationäre Handel eben auch auf mehreren Kanälen für die Kunden da sein. Dabei könne der Händler mit Ladenlokal sogar schneller sein als er reine Onlinehändler: Wenn der Kunde am PC oder Tablet sieht, dass sein gewünschtes Buch oder das Paar Schuhe im Laden vorrätig ist, dann kann er sofort dort hinfahren und es schneller in den Händen halten, als mit der online gestarteten Paketsendung. Die Handelsflächen in den Innenstädten können sich dadurch weiterhin rechnen, sie verändern laut Heinemann nur ihren Charakter, werden teilweise zum Showroom oder zur Abholzentrale.

Stopp für Offline-Expansion als Hilfe gegen Online

Um unsere Händler bei diesem Wandel zu unterstützen und dadurch die Handelsstraßen und Stadtzentren zu bewahren, müsse man faire Bedingungen schaffen und übermächtige Konkurrenz verhindern, so Heinemann. Das bezog er zum einen auf die reinen Onlinehänder und nannte als Beispiel die enormen Marktanteile von amazon, die längst ein Fall fürs Kartellamt sein müssten. Ergänzen könnte man hier einen Hinweis auf die billigen Logistikflächen der Onlinehändler, die eine neue Welle der Grüne-Wiese-Bebauung darstellen. Gerrit Heinemann kritisierte zum anderen die vorstädtischen Großflächen des stationären Einzelhandels, die Fachmarktzentren und die 40.000-Quadratmeter-Möbelmärkte. Deren Bau müsse man stoppen, um den innerstädtischen Handel zu schützen. Heinemann regte an, Händler aus der Peripherie mit Zuschüssen wieder in die Stadtzentren zu locken. Auch den Neubau von Einkaufszentren solle man bezüglich der Folgen für den bestehenden Handel prüfen.

Mit seinen neubaukritischen Äußerungen ging Heinemann weiter als andere Referenten der Tagung. Dort berichtete der Baubürgermeister von Biberach, Christian Kuhlmann, wie sie konsequent jede Anfrage eines Centerplaners ablehnen und stattdessen in mühevoller Kleinarbeit dafür sorgen, dass auch in den historischen Häusern der Altstadt Handelsflächen bis zu 1.000 und 2.000 Quadratmetern Platz finden, indem kleine Läden zusammengelegt werden. Gerade in mittelgroßen Ladenlokalen von 400 bis 600 Quadratmetern sah Andreas Wurff, technischer Beigeordneter der Stadt Mönchengladbach, einen Vorteil der Innenstadt von Rheydt. Die größeren Anbieter gingen sowieso ins Hauptzentrum nach Mönchengladbach oder auch dort in das neue ECE-Center, dagegen seien die Bauten der Nachkriegsmoderne in Rheydt ideal für mittelgroße Läden.

Mischung in Altbau und Neubau

Ob Altstadt in Biberach oder 1950er-Jahre-Architektur in Rheydt, man findet an diesen so verschiedenen Orten die gleiche Mischung aus Läden im Erdgeschoss, eventuell einer Etage Büros darüber und obendrauf gleich mehreren Geschossen Wohnungen. Im Neubau jedoch sind solche kleinteilig gemischten Bauten noch selten, wie Immobilienexperte Thomas Beyerle von Catella darlegte. Er sehe aber eine Chance für diese sogenannten Mixed-use-properties: Sie versprechen durch die Streuung der Risiken dauerhafte Sicherheit für die Investition. Die gleiche Vielfalt durch Umbau zu erreichen, zum Beispiel durch die Umwandlung maroder alter Shopping Malls in gemischt genutzte Ensembles, das erfordere enormes Umdenken in der Immobilienbranche, sagte Beyerle. Bisher habe man dort nur den Neubau auf freier Fläche gelernt.

Als Lehre aus der Tagung könnte man sagen: Wenn es durch den Online-Handel schon schwer genug wird, die bestehenden Läden sinnvoll zu nutzen, sollten wir uns jetzt erst recht vom ungebremsten Flächenwachstum beim Offline-Handel verabschieden.

Einige Reiseimpressionen auf meiner Webseite.

Groschen für die Reisekasse auf diesen Wegen.

2 Gedanken zu „Multi-Channel als Denkmalschutz

  1. Gudrun Escher

    Danke für die hervorragende – und nachdenkliche – Zusammenfassung! zwei Bemerkungen am Rande:
    1. in Mönchengladbach baut nicht ECE sondern mfi eine Shopping Mall.
    2. Amazon spart Steuern mit einem inzwischen beliebten Trick: alles know how des Unternehmens ist in eine eigene Firma ausgelagert, die in Luxemburg ansässig ist, wo auf „geistige Leistung“ keine Steuern erhoben werden. Die Niederlassungen entrichten Gebühren an diesen Think Tank, produzieren also Kosten und keine Gewinne…

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    1. Beate Petersen

      auch ich danke für die umfassende Analyse und teile auch die Erkenntnis zu Sorgen aber auch Chancen, wenn Händler in der Innenstadt nicht gegen die Kollegen auf der grünen Wiese konkurieren müssen und sie die Chancen von Multi Channel erkennen.
      Nicht nur Amazon – auch IKEA schrumpft so den im Inland zu versteuernden Gewinn: Lizenzgebühren, Zinsaufwand… an die Mutter oder andere – im Ausland ansässige – Konzernunternehmen heißt zugleich
      weniger Gewinn = geringere Steuerbasis (Bemesungsgrundlage) = weniger Steuereinnahmen HIER!

      gut zu wissen::
      Mittel, die wir zum Einkauf beim lokalen Händler ausgeben, zirkulieren länger lokal/reginal
      als Mittel, die wir zum Einkauf beim großen Supermarkt oder in der Niederlassung auswärtiger Konzerne ausgeben. Letztere Mittel verbleiben nicht vor Ort – zur Schaffung von Mehrwert – sondern werden abgeschöpft…

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