Mehr… durch weniger?

Was will ich? Diese Frage fällt einem manchmal selbst schwer zu beantworten. Umso schwerer ist es für Architekten, Projektentwickler und Politiker, zu den Wünschen der Bewohner passende Wohnungen und Häuser zu gestalten. Wenn die dann auch noch exakt soviel bieten sollen, wie die Menschen möchten, aber nicht mehr, dann wird es völlig kompliziert. Erfrischend heruntergebrochen hat die philosophisch klingende Frage der Suffizienz oder des richtigen Maßes Lars-Arvid Brischke vom ifeu-Institut bei seinem Vortrag auf dem Symposium Mehr… durch weniger? der Architektenkammer Rheinland-Pfalz. Er untersucht, wieviel Energie wir brauchen, und analysiert dafür Geräte aus unseren Haushalten: Kühlschrank, Waschmaschine, Toaster und was man sich alles noch denken kann. Bei jedem Gerät fragt Brischke danach, wie groß und wie leistungsfähig es sein soll, und schon sind wir bei einem Grundproblem der Energiewende – der effizienteste Kühlschrank verbraucht trotzdem viel mehr als nötig, wenn es sich um ein zweiflügliges Luxusgerät mit Tiefkühlfach und Eiscruncher handelt. Angesichts der immer mehr Single-Haushalte müssten die Hersteller eigentlich immer mehr kleine Haushaltsgeräte anbieten, doch danach sieht es nicht aus. Hier wird es politisch, denn der Staat könnte eingreifen und kleine Geräte verlangen, also suffizientes Verhalten ermöglichen, während er bisher nur effiziente Geräte vorschreibt.

Der Kühlschrank und die Energiewende zeigen bestens, wie sich alltägliches Verhalten und grundsätzliche Herausforderungen berühren. Genauso wie bei der Energie gilt das auch beim Wohnen, und auch hier fängt es damit an, herauszufinden, was jemand will oder braucht. Den nüchternen Begriff „Bedarfsplanung“ verwendete Andreas Bräuer in seinem Vortrag, und machte klar, dass es hier nicht um den ersten Schritt der herkömmlichen Architektenleistung geht, die in der Leistungsphase 1 der HOAI die „Grundlagenermittlung“ vorsieht. Damit aber wären wir bereits beim Problemlösen, während es noch davor darum geht, das Problem zu stellen! Das erinnert an die Diskussion beim db-Suffizienzkongress zu einer Leistungsphase 0 der Architektur. Doch laut Andreas Bräuer sind es in Großbritannien oder den USA nicht die Architekten, sondern eigenständige Berater, „Raumberater“, die mit den Nutzern ermitteln, was die eigentlich brauchen. Vielleicht stellt sich dann heraus, dass von den 10.000 Dingen, die ein Mensch hierzulande durchschnittlich besitzt, 2.000 nicht gebraucht werden – also braucht man auch keinen eigenen Raum dafür, kann mit weniger auskommen und hat mehr Raum oder mehr Geld für andere Zwecke zur Verfügung.

Es muss aber nicht nur vom Einzelnen ausgehen, weniger Raum zu beanspruchen, sondern in der Schweiz steht das Ziel ganz oben: Der SIA Effizienzpfad des schweizerischen Ingenieur- und Architektenverbands soll den Weg aufzeigen, den durchschnittlichen Energieverbrauch der Schweizer von heute 6.000 auf 2.000 Watt pro Person zu senken, und die Bewohner von Zürich haben sich in einer Volksabstimmung diesem Ziel angeschlossen. Wie das umgesetzt wird, zeigte Annette Aumann vom Züricher Amt für Hochbauten anhand von 120 städtischen Schulen. Ausgehend vom großen Sparziel analysierten die Planer, in welchem Zustand die Schulbauten sind und mit welchen Maßnahmen man wieviel Energie sparen könnte, also zum Beispiel mit gedämmten Wänden und Decken. Außergewöhnlich ist dabei, dass sie sich auch fragten, wer denn wie die Räume nutzt. Wenn etwa in einer Schule alle die Fenster auf Kipp lassen, die Heizung unnötig hochdrehen und obendrein mit dem Auto hinfahren (oder gefahren werden), dann kann dort unterm Strich selbst bei einem super sanierten Bau mehr Energie verbraucht werden, als bei einem unsanierten Haus, wo die Nutzer sparsam handeln. Solche Aspekte sollen zukünftig in einer Art SIA Suffizienzpfad berücksichtigt werden. In ähnlicher Form analysierten die Züricher Planer, wie groß die städtischen Wohnungen sind und wieviel Quadratmeter auf jede Person entfallen – und fanden heraus, dass dieser Verbrauch an Wohnfläche erheblich davon abhängt, wann die Häuser gebaut wurden. Es ist also nicht nur eine Frage des Architekturstils, welche Grundrisse man baut, sondern beeinflusst direkt, mit wie wenig die Bewohner auskommen können.

Dass clever geplante kleine Wohnungen völlig ausreichen, wenn großzügige Gemeinschaftsflächen dazukommen, zeigte abschließend Franz Sumnitsch von BKK-3 Architektur anhand des Wohnensembles Sargfabrik in Wien. Wie wir andere Häuser bauen können, muss man nicht in Japan anschauen, sondern man sieht es in Österreich und der Schweiz. Diese Ideen zur gemeinschaftlichen Nutzung von Räumen sollten wir nun auf Altbauten übertragen.

Die Züricher Studien kann man hier runterladen.
Zur Teekasse geht es hier.

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