Liebt unsere Häuser, wir brauchen keine neuen

Hat Sex etwas mit Bauen zu tun? Die Fokussierung vieler Bauherren und Architekten auf Neubauten jedenfalls erinnert an sexuellen Drang: Nur bei neuen Werken entlädt sich die Schöpferkraft vieler Architekten, nur beim Richtfest drängen sich Politiker nach vorn und Bauherren wetteifern um den höchsten Turm. Damit trägt die Gier nach dem Neuen zur Bauwut bei, die unsere Städte auf dreierlei Weisen ruiniert:

– Ökonomisch schneiden viele Neubauten schlecht ab; nicht nur gigantische Projekte wie Stuttgart 21 oder der Flughafen BER, auch kleine Neubauten rechnen sich oft nur deswegen, weil Fördergeld von Land, Bund und EU fließt.
– Ökologisch wird die Bilanz vieler Neubauten verfälscht, weil nur die niedrige Betriebsenergie etwa zum Heizen eines Passivhauses berechnet wird, nicht aber der hohe Aufwand für die Baustoffe und das Bauen selbst. Wenn das Niedrigenergie-Einfamilienhaus dann noch am Ende der Welt entsteht, weil die finanzielle Potenz nicht für ein zentrales Grundstück reichte, dann kommt zusätzlich Mobilitätsenergie fürs erste oder zweite Auto dazu.
– Unsozial ist das Bauen teurer neuer Wohnsiedlungen erst recht, weil für sie die Besserverdienenden aus den Problemvierteln unserer Städte wegziehen, zum Beispiel aus den Großsiedlungen, und die Schlechterverdienenden mit ihren Problemen allein lassen.

Was tun, wenn wir das Bauen nicht gleich verbieten? Dann muss der Umgang mit dem Bestand „sexy“ werden, sagte Muck Petzet, und gab dem deutschen Beitrag auf der letzten Architektur-Biennale das Motto „reduce, reuse, recycle“. Dabei versammelte er eine ganze Reihe von coolen, witzigen und „sexy“ Projekten rund ums Nichtbauen, Umbauen und Weiterbauen. Anders formuliert lautet der Appell, sich mit Altbauten zu beschäftigen: Liebt unsere Häuser! Sanierung bedeutet, die eigene Stadt und ihre Geschichte wertzuschätzen. Wer saniert, der respektiert und würdigt die Leistung der Erbauer eines Gebäudes, der Handwerker und der Planer.
Wer mit Architekten spricht, die das Gebäude eines anderen Architekten saniert oder umgebaut haben und darum danach forschten, was dessen Grundidee war, der wird in den Augen der Entdecker ein Leuchten sehen. Es verschafft guten Entwerfern Befriedigung, das einstige Leitbild hinter einem Plan zu erkennen, seinen wahren Wert schätzen und das Haus lieben zu lernen. Es gilt, ein Gebäude aus seiner Zeit heraus zu beurteilen und aus den damals geltenden ästhetischen Idealen. Bei der Sanierung geht es darum, die Stärken des ursprünglichen Entwurfs herauszuarbeiten und seine Schwächen zu akzeptieren oder behutsam zu korrigieren. Sich durch die Schichten der Zeit und der Bedeutung durchzuarbeiten zum Kern eines Entwurfs, das erfordert dann wieder viel Leidenschaft.

Der Beitrag erschien im Magazin competition Ausgabe Nr. 7 vom April 2014.

Hier geht es zum Gespräch mit Muck Petzet.

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