Der Leserbrief, den das Deutsche Architektenblatt seinen Lesern vorenthalten will

Cover Deutsches Architektenblatt und "Verbietet das Bauen!"

Auf zwei Seiten hat das Deutsche Architektenblatt sich in der Mai-Ausgabe 2016 mit Pro und Contra mit meinem Buch „Verbietet das Bauen!“ beschäftigt, und das ist durchaus ehrenwert. Leider aber weigert sich das Magazin, meine Reaktion als Autor auf die geäußerte Kritik abzudrucken – hier ist sie:

Dass mein Buch „Verbietet das Bauen!“ Widerspruch weckt, überrascht nicht. Doch es verwundern die Contra-Argumente im Deutschen Architektenblatt: So heißt es sinngemäß, eine Bauverbot-Forderung sei egoistisch und nur im Sinne derjenigen, die bereits gut wohnten. Unzweifelhaft suchen viele Menschen Wohnungen, aber ist Neubau dafür die Lösung? Wenn es so wäre, dann hätten wir das Problem bereits gelöst, denn in den letzten zwanzig Jahren stieg die Zahl der Wohnungen um etwa sechs Millionen, obwohl die Einwohnerzahl sich kaum veränderte – aber trotzdem suchen vielerorts Menschen nach Wohnungen. Sollen wir nun etwa die nächsten sechs Millionen Wohnungen bauen, nur um wieder festzustellen, dass es nicht genug ist? Denken wir lieber darüber nach, was die Gründe für den Mangel sind, diskutieren über die Art und Weise unseres Wohnens und darüber, in welchen Städten wir leben möchten.

Denken wir zum Beispiel darüber nach, wie wir Freiraum in den Städten bewahren können: Wenn sich Nachbarn dagegen wehren, dass Grünflächen zugebaut werden, dann ist das nicht Egoismus, sondern dann melden sich diejenigen zu Wort, die die Folgen der Bauwut hautnah erleben; und das gilt sowohl am Tempelhofer Feld als auch an der Elisabethaue, die man nicht gegeneinander ausspielen sollte.

Aber dieses Nachdenken über die Idee eines „Bauverbots“ ersetzt das Deutsche Architektenblatt durch ein Denkverbot, zumindest wenn es darum geht, sich mit einzelnen Vorschlägen, unsere Häuser anders und besser zu nutzen, offen auseinanderzusetzen. Zwar heißt es in der Kritik, das Buch enthalte „ein paar durchaus einleuchtende Vorschläge“, aber die gingen unter im „Neubau-Verbotsgeschrei“. Ja, der Buchtitel ist laut, aber das muss er sein, um nicht im Neubau-Geschrei der Lobbyisten unterzugehen, die jährlich 300.000, 400.000 oder neuerdings 494.000 neue Wohnungen pro Jahr fordern. Wenn die Vorschläge für einen anderen Stadtwandel nicht untergehen sollen, wie wäre es dann mit einer ernsthaften Abwägung der im Buch aufgeführten „50 Werkzeuge, die Neubau überflüssig machen“? Diese sind – freundlicher formuliert – Werkzeuge, wie wir unsere Häuser anders und besser nutzen können: Abriss vermeiden, Leerstand bekämpfen, regionale Ungleichheit mildern, all das wird in dem Buch anhand konkreter Beispiele und Vorschläge angeregt, ebenso wie neue Formen gemeinschaftlichen Wohnens und Arbeitens.

Eine gründliche Beschäftigung mit diesen Lösungen bedeutet nicht, eine der Ideen, die „Boom-Schrumpf-Bahn“ zwischen boomenden und schrumpfenden Gegenden, zur Hälfte zu zitieren (nur bezüglich Bahnfahrten, nicht zu den geforderten Radschnellwegen) und dann kurzerhand mit „horrender Aufwand“ abzutun (wie hoch ist der wirklich, wenn, wie bei manchem Berlin-Wolfsburg-Pendler, Wohnsitz und Arbeitsplatz direkt neben den Bahnhöfen liegen?).

Stattdessen lohnt eine offene Diskussion dieses großangelegten Wandels ohne Neubau. Der führt mitnichten zur jener „Erstarrung“, von der die Kritik schreibt, sondern bietet Chancen auch für Architekten. Den Wandel von Häusern und Nutzungen zu gestalten reagiert auf die sich wandelnden Wünsche und Bedürfnisse von Bewohnern, auf die man nicht zwangsläufig mit Neubau antworten muss, sondern auch durch klugen Umbau, durch Umnutzung und durch die Förderung von Umzügen. Wenn wir alle 50 Werkzeuge konsequent anwenden, brauchen wir keinen Neubau und machen unsere Städte lebendiger.

Das Deutsche Architektenblatt erscheint in Zusammenarbeit mit der Bundesarchitektenkammer. Leiten Sie diesen Link an Architektinnen und Architekten weiter, die den Leserbrief sonst nicht lesen könnten. Danke!

3 Gedanken zu „Der Leserbrief, den das Deutsche Architektenblatt seinen Lesern vorenthalten will

  1. Dr. Ronald Kunze

    Das klingt doch interessant. Bauen ist immer auch ein Eingriff in die Umwelt und sollte daher überlegt sein, also auch abgewogen sein hinsichtlich schonender Lösungen. Diese grundsätzliche Überlegung sollte sich dabei nicht nur auf den Wohnungsbau, sondern wegen des Flächenverbrauchs noch stärker auf die gewerblichen Bauten beziehen. Leerstehende Ladengeschäfte und neue Einkaufszentren sind ein leicht auflösbarer Widerspruch. Wir brauchen dringend Wohnungen, weil die bestehenden (untergenutzten) Wohnungen scheinbar am falschen Ort stehen: Da die Wohnungen nicht zu den Menschen kommen können, müssen die Menschen zu den Wohnungen gehen! Stärkung der Klein- und Mittelstädte ist dabei ein sinnvoller Ansatz. Pendelentfernungen (auch mit dem Rad!) überbrückbar gestalten eine Möglichkeit. Ideen gibt es (seit Jahrzehnten) viele; vielleicht steht in dem Buch ja etwas drin. Lesen könnte helfen.

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  2. Dr. Helmut Schmidt

    Berlin hat vor fast 100 Jahren die Suburbanisierung durch eine großflächige Eingemeindung beendet und damit die gesamte Region zur Metropole gewandelt – ein sehr erfolgreicher Schritt in eine bunte, vor allem grüne Stadtlandschaft, u.a. garantiert durch den Dauerwaldvertrag zwischen Kaiser und Metropole.
    Heute bestimmt das Denken in alten Grenzen -Mauer und Besatzungszonen – weiter den Horizont Berliner Politiker und leider sogar von Architekten. Teltow ist die am schnellsten wachsende Stadt Deutschlands – nur die Verkehrsanbindung an die Metropole hinkt mindestens 20 Jahre hinterher: gut ausgebaute Landesstraßen enden in Berlin im Nichts, die S-Bahn fährt eingleisig, der Zugverkehr ist nicht bedarfsgerecht. Andere Umlandgemeinden sind genauso betroffen.
    Senator Geisel und sein Staatssekretär schließen die Augen vor dieser Entwicklung und lehnen die Realität der fortschreitenden Suburbanisierung ab, betreiben aber selbst eine verdeckte Suburbanisierung durch Baufelder unmittelbar an der Stadtgrenze. Kein Wunder, dass – wie immer schon in Berlin, manchmal sogar nachweislich zu Recht – von Baufilz die Rede ist: es profitieren Berliner Immobilienentwickler, es schadet den betroffenen Bürgerinnen und Bürgern durch Stadtverdichtung, Grünvernichtung und Gentrifizierung.

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  3. John

    Diese Seite ist einfach genial. Ich habe das Gefühl, die deutsche Bauwut wird von Jahr zu Jahr schlimmer und die Gebäude auch immer hässlicher.

    Wir müssen die Landschaften nicht immer zubauen. Heutzutage müssen die Deutschen lernen die Natur zu erhalten mit all ihrer Schönheit.

    Es kann im Leben nicht immer darum gehen mehr Profit durch Bauen zu erwirtschaften.

    Der Mensch und die Natur müssen im Mittelpunkt jeder politischen Planung stehen und nicht die Anhäufung von Geldvermögen in dem man übervölkerte Großstädte immer weiter zubaut und dadurch Menschen und Tieren die Luft zum Atmen nimmt.

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