Gruß an die Gallier in Freiburg und ein Leserbrief in der „Süddeutschen Zeitung“

Ganz Freiburg war für den Bau eines komplett neuen Stadtteils auf den Äckern und Wiesen von Dietenbach, aber Nein: vierzig Prozent stimmten dann doch dafür, die Felder frei zu lassen. Ein Gruß an die wackeren Gallier mit einem Verweis auf die einzige Fraktion, die im Gemeinderat auf Seiten der Kritiker stand, „Freiburg Lebenswert“ (in Fraktionsgemeinschaft mit „Für Freiburg“), die das Ergebnis des Bürgerentscheids konstruktiv kommentierten.

Unter den 39 Stimmbezirken war dann ausgerechnet im Vorzeige-Ökostadtteil Vauban das Ergebnis pro Neubau mit am deutlichsten, so wie insgesamt in den Stimmbezirken mit Grünen-Hochburgen am klarsten für das Bauen gestimmt wurde (Siehe Seite 13 im Berichtsband der Stadt Freiburg) – ähnlich wie bei FDP und Linken, eine erstaunliche Allianz.

Es war aber nicht so, dass „vor allem die AfD gegen das Bauprojekt ist“, wie es vor der Abstimmung in einem ansonsten differenzierten Artikel in der Süddeutschen Zeitung stand, schließlich ist die AfD nicht einmal im Gemeinderat vertreten – und diese unkorrekte Nachricht erboste mich so sehr, dass ich einen Leserbrief schrieb, der, wenn auch erst nach dem Bürgerentscheid, veröffentlicht wurde.

Man kann ihn in der Süddeutschen Zeitung lesen oder gleich hier:

Leserbrief zu „Wer drin ist“, Gerhard Matzig, Süddeutsche Zeitung 16./17.02.2019

Der Streit um den Neubau eines Stadtviertels in Dietenbach wühlt die Menschen auf, aber es ist falsch, wenn im Artikel steht, dass „vor allem die AfD gegen das Bauprojekt ist“. Diese ist nicht im Gemeinderat vertreten, in dem jedoch eine bürgerliche Oppositionsfraktion gegen die Baupläne stimmte; und im Regiobündnis „Rettet Dietenbach“ sammeln sich Umweltverbände und Bauern. Mehr noch: bis ins linke Spektrum reicht das Unbehagen am „wie“ und „wie groß“ der Dietenbach-Pläne.

Erstmals nämlich seit den Großsiedlungen der 1970er Jahre werden ganze Stadtviertel auf der grünen Wiese geplant, und die Pläne Freiburgs für 15.000 Bewohner wirken größenwahnsinnig. Man wird zwar nicht die Fehler von Köln Chorweiler oder München Neuperlach wiederholen, aber andere Fehler machen, in ebenso großem Maßstab. Zum Beispiel sollte das in den 1990er Jahren entstandene Viertel Freiburg Rieselfeld sozial werden mit 50% Sozialwohnungen – aber inzwischen sind neunzig Prozent von diesen aus der Sozialbindung gefallen und das Rieselfeld ist teurer als Freiburgs Durchschnitt. Dietenbachs Sozialwohnungen sollen länger sozial bleiben, aber nicht dauerhaft. Viele der Neubauten dort werden freifinanziert, und das programmiert Mietsteigerungen und Spekulation.

Darum zweifeln viele am Sinn des Bauprojekts, obwohl sie den Mangel an Wohnraum sehen – und sich ärgern, dass Alternativen nicht entschlossen verfolgt werden: Besseres Bauen ohne Spekulation, gemeinschaftliche Wohnformen mit weniger Pro-Kopf-Wohnfläche, Überbauung von Supermärkten und Parkplätzen, Ausbau und Aufbau von Dachgeschossen, entschiedenes Vorgehen gegen Abriss und Leerstand, und die Entdeckung des „unsichtbaren Wohnraums“ von nicht genutzten Zimmern und Einliegerwohnungen. Ein „Ja“ zu den Äckern und Wiesen von Dietenbach könnte ein „Ja“ bedeuten für ein neues Nachdenken darüber, wie wir wohnen wollen und Platz für alle schaffen.

Daniel Fuhrhop

Einen Artikel zu den Dietenbach-Plänen und anderen Neubau-Stadtvierteln gab es vorher hier auf dem Bauverbot-Blog .

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