Die selbstgemachte Stadt

Über 120 Berliner Beispiele dafür, wie Bewohner und Architekten eigenständig ein Haus bauen oder umbauen, ohne auf Fertigprodukte von Immobilienentwicklern zurückzugreifen – diese Vielfalt zeigt das Buch „Selfmade City Berlin“, das Kristien Ring für die Senatsverwaltung herausgegeben hat. Buchtitel selfmade city

Zwar sind unter den Projekten viele Neubauten, so dass es eigentlich nicht in einem Blog zum Bauverbot besprochen werden dürfte, aber lesenswert wird es in herausragender Weise dadurch, dass sich Kristien Ring gründlich Gedanken dazu gemacht hat, was ein Haus auszeichnen muss, um ein gutes Beispiel zu werden. Dadurch unterscheidet sich die Auswahl von unzähligen Architekturbüchern, die unter mehr oder weniger treffenden Schlagwörtern ein paar Dutzend trendige Häuser zeigen. Stattdessen definiert Kristien Ring Ansprüche an ein gutes Haus, die ganz banal und selbstverständlich klingen, es aber leider heutzutage nicht sind, wie die folgenden drei Kriterien zeigen: Ein Haus sollte vielfältig genutzt werden (durch Wohnungen, Büros, Läden), um die Gegend vielfältig zu beleben – es sollte sich der Nachbarschaft öffnen, etwa durch öffentlich genutzte Erdgeschosse oder durch einen offenen Garten – es sollte neben den Einzelflächen der Bewohner auch Gemeinschaftsflächen bieten, etwa gemeinsam genutzte Gärten, Gästewohnungen und sogar Küchen. Diese und weitere Kriterien der Herausgeber sind scheinbar so streng, dass nur ein einziges der 120 Projekte alle acht wichtigsten Kriterien erfüllt, und neun weitere Häuser erfüllen zumindest sieben der acht Bewertungspunkte. So wird das Buch der Musterbeispiele ungewollt auch zu einer Musterschau der versäumten Chancen. Es reicht eben für ein Vorbild nicht aus, nur eine Baugruppe zu gründen, die sich ihr Haus selbst macht, sondern zum Wohle der Stadt sollten Baugruppen etwas mehr bieten. Dazu schreibt im „selfmade“-Buch Rolf Novy-Huy von der Stiftung trias, die Baugruppen müssten „ihren sozialen Mehrwert“ verdeutlichen, sie müssten „die Generationen-, Alten- oder Frauenfrage“ aufgreifen und sich um Pflege oder um behinderte Menschen kümmern. Im Sinne der Stiftung trias, die an engagierte Projekte Häuser im Erbbaurecht vergibt, könnte man als zusätzliches Qualitätskriterium anfügen, dass es bei vorbildlichen Baugruppen nicht darum gehen sollte, viele neue Einzeleigentümer von Wohnungen zu schaffen, also quasi nur auf einem etwas grüneren oder sozialeren Weg das klassische Modell des Immobilieneigentums nachzumachen. Schöner wäre es, wenn das Modell einer Genossenschaft gewählt wird oder man sich einer bestehenden anschließt, damit die Häuser auch in kommenden Generationen guten Zwecken verpflichtet bleiben.
Wie eingangs erwähnt, wäre es außerdem gut, wenn die „selbstgemachte“ Stadt den Umbau und Weiterbau von Häusern vorstellen würde anstelle der vielen Energie und Material verbrauchenden Neubauten. Aber diesen generellen Einwand und die Eigentumsfrage einmal beiseite gelassen, so zeigen einem die 120 Beispiele dieses Buches anschaulich, welche grundlegenden Qualitäten ein Haus und die ganze Stadt aufweisen sollten. Die gelungenen und die weniger gelungenen Häuser zeigen, dass es beim Stadtwandel oft auf ganz einfache Dinge ankommt.
Selfmade City Berlin: Stadtgestaltung und Wohnprojekte in Eigeninitiative. Herausgeber Kristien Ring, AA Projects und Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin. Deutsch/Englisch. 224 Seiten, Klappbroschur, 21 x 27 cm. 29,80 €. ISBN 978-3-86859-167-5

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Ein Gedanke zu „Die selbstgemachte Stadt

  1. Elke Spieß

    Ich freue mich sehr über diesen Blog. Das Buch auch. Meine Wohnadresse ist Wien und ich beschäftige mich genau mit diesem Thema der Bauwut. Eine Begleiterscheinung sind hier ganz wichtig zu erwägen: der Rauskauf von Altmietern bzw. andere Arten Altmieter loszuwerden. Die Anhebung des Standards zu Smart-Wohnungen wodurch das individuelle Wohnrecht angegriffen wird.
    In Wien gibt es auch die Innenstadt, in der denkmalgeschützte Häuser leerstehen, nicht aber renoviert werden.
    Der Immobilienmarkt ist aktuell im Wachsen wegen der Rendite als Vorsorgewohnungen, da das Sparbuch zu unsicher ist. So gibt es viele Neubauten nur um der Schaffung von Raum für Weitervermietung oder Vorsorge.
    Demgemäß sich das Stadtbild erdrückend einbetoniert bis weit in angrenzende Bundesländer. Dort wird zusehends mehr Grund und Boden verkauft, einfach so oder zur Bebauung. Wie aus Ihrem Blog hervorgeht muss eben die Umwidmung weiterhin verboten werden. Wieso dies nicht geschieht, verstehe ich nicht.
    Es werden Millionenvillen verkauft sowie das vorletzte Kartoffelfeld. Woran liegt das?

    Liebe Grüße und eine interessante Buchempfehlung : Tarek Leitner (siehe www.). Er schreibt über die Verschandelung durch Betonbauten und die Prägung der Seele durch den täglichen Blick auf diese, die ja unser Umfeld entgültig zumauert. Ohne Freiräume.
    Leider ist mir in Wien eine gleichwertige Initiative wie die Ihre nicht bekannt, obgleich hier 3 vor 12, oder schon 1 nach 12- Situation. Diese Welle ebbt nicht ab.

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